Frühjahr 2012

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

Seit den späten 80er Jahren werden verschiedene Maßnahmen empfohlen, um das Risiko des Plötzlichen Kindstodes (SIDS) zu senken:

- Schlafen in Rückenlage
- rauchfreie Umgebung, Frischluft, wohltemperierter Schlafraum 18-20°C
- feste, luftdurchlässige Matratze
- passender Schlafsack, keine zusätzlichen Decken, Felle, Kissen, Nestchen, Kuscheltiere
- Stillen in den ersten 6 Monaten
- Schlafen im eigenen Bettchen im Schlafzimmer der Eltern.

Durch die Propagierung und Umsetzung dieser Empfehlungen ist es gelungen, die Zahl der SIDS-Fälle um 70% zu senken. Zwischen 1991 und 2002 hat sich die Zahl in Deutschland von 1285 Fällen 1991 auf 367 Fälle im Jahr 2002 reduziert (von 1,55 auf 0,51 pro 1000 Lebendgeborene).

Gibt es einen Preis für diesen Erfolg?

Überdurchschnittlich erregbare und besonders unruhige Babys scheinen in Bauchlage besser beruhigt werden zu können. Diese Möglichkeit entfällt im Wissen der Gefährdung durch die Bauchlage allerdings für die Schlafzeit. Pucken (eine spezielle Körperwickeltechnik für Babys) scheint – gerade für Schreibabys – diesen Nachteil der Rückenlage wettmachen zu können.

Ein anderer Nachteil der Propagierung der Rückenlage ist die häufige Entwicklung eines schiefen (asymmetrischen) Kopfes (Plagiozephalus). Durch das konstante Aufliegen des rasch wachsendes Kopfes auf einer wenig nachgiebigen Unterlage (empfohlen ist ja die eher "feste" Matratze) wird das Wachstum der Schädelknochen in Richtung Asymmetrie gelenkt: das aufliegende Hinterhaupt flacht sich einseitig (manchmal auch beidseitig) ab, das Ohr auf dieser Seite wird nach vorne „verschoben“, die Stirn auf dieser Seite wird „prominent“. Es gibt das Sprichwort: „Wie man sich bettet, so liegt man.“. Hier müsste es heißen: „Wie das Baby den Kopf hinlegt, so formt sich der Schädel!“. In seltenen Fällen sind die Hintergründe andere: manche Asymmetrien liegen bereits bei Geburt vor (Platzmangel in der Gebärmutter), vereinzelt handelt es sich um eine geburtstraumatisch bedingte Verkürzung des Kopfnickermuskels oder einen vorzeitigen Verschluss von Schädelnähten.

Der Brachycephalus oder „echter Liegeschädel“ zeigt sich in einer Abflachung des gesamten Hinterköpfchens. Diese so genannte Kurzkopfform ist durch eine Verbreiterung des Köpfchens und  des Gesichts gekennzeichnet. Bei solchen Kindern ist oberhalb der Ohren eine deutliche Vorwölbung zu sehen, das Gesicht wirkt „scheibenförmig“.                                                                                 

Auch wenn ausgeprägte und kosmetisch stark störende Deformitäten langfristig eine günstige Prognose haben – in den meisten Fällen sind die Auffälligkeiten für den Laien nach wenigen Jahren nicht mehr erkennbar – sollte man „hellwach“ dafür sein. Wenn Eltern bemerken, dass das Baby im Schlaf den Kopf „immer“ zu einer Seite dreht oder einen schiefen Kopf bekommt, sollten sie Rat beim Kinder- und Jugendarzt suchen. Dieser wird dann krankhafte Ursachen der Asymmetrie i. d. R. ausschließen können und mit den Eltern entsprechende Vorbeuge- oder Behandlungsmaßnahmen (Handling, ggf. Physiotherapie) erörtern.

Folgende Maßnahmen sind zur Vorbeugung sinnvoll:

- Die Umgebung des Babys durch Drehen des Bettes oder des Kindes im Bett so gestalten, dass Licht-, Bewegungs-, Stimm-, Geräusch- und andere Reize ausgewogen oder abwechselnd von beiden Seiten einwirken.
Das Baby wendet sich z. B. beim Einschlafen der Mutter oder dem Licht zu. Durch Drehen des Bettes oder des Babys im Bett um 180° kann man dieser „Orientierung“ entgegenwirken.

- Ansprechen des Kindes, Anbieten von Spielsachen, ggf. Flaschenfütterung abwechselnd und ausgewogen von beiden Seiten.

- Im Wachzustand soll fast ausnahmslos die Bauchlage geübt werden. In den ersten 2 Monaten lässt das Baby den Kopf oft auf der Seite liegen, auf die er gelegt wird. Hier lässt sich ggf. die Kopfwendung zur ungeliebten Seite sehr gut trainieren, weil es für das Baby in Bauchlage viel mehr Mühe macht, den Kopf selbst zu drehen, als in Rückenlage.

- Keine echte Alternative ist die mit Kissen oder Rollen ermöglichte "echte" Seit-Lagerung, weil zum einen Hüftreifung beeinträchtigt werden kann und Babys, wenn sie mobiler werden, in die im Schlaf gefährlichere Bauchlage kippen können.

Zur Behandlung einer bereits entstandenen Asymmetrie soll natürlich mit den angesprochenen Handling-Techniken die Kopfwendung zur „ungeliebten“ Seite unterstützt werden. Nach 2-3 Wochen sollte ein erster Erfolg (spontanes häufiges Wenden des Kopfes zur ungeliebten Seite und Besserung der schiefen Kopfform) erkennbar sein. Andernfalls sollte mit dem Kinder- und Jugendarzt über ergänzende Maßnahmen wie z. B. Physiotherapie, Osteopathie gesprochen werden. In den sehr wenigen Ausnahmefällen, in denen extreme Asymmetrien über das Alter von 5-6 Monaten hinaus bestehen, kann eine Helmtherapie in Erwägung gezogen werden.